Zurück ins Läuferleben – (nach Meniskus OP)

Von 100 auf 0

Das Beitragsfoto stammt vom 25. August.  Seit meinem letzten Lauf vom 12.07.2020 ist es ruhig geworden in meinem Blog und im Läufertagebuch. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie frustriert ich war, als von da an gar nichts mehr ging. Von 100 auf 0. Von heute auf morgen. Mein einziger Trost war es – sofern man von „Trost“ sprechen kann , dass es in absehbarer Zeit keine Laufveranstaltungen mehr geben sollte, über deren Absage man sich hätte ärgern müssen. Dennoch war mein Frust, meine Hilflosigkeit riesig und die Aussichten auf einen schnellen Wiedereinstieg  erst mal dahin.

Diagnose: Meniskusriss

MRT

Der Chirurg hat nur einen kurzen Blick auf die Bilder des MRT geworfen und legt sich gleich fest: „Ohne OP geht das nicht.“ Der Innenmeniskus ist deutlich gerissen. Vertikal und irgendwie auch horizontal. „Wann wollen Sie denn?“ „Ähm“. Doch angesichts der eindeutigen Ansage und der Tatsache, dass vom MRT bis zur Diagnose schon wieder vier Wochen vergangen waren, strebe ich einen schnellen OP-Termin an. Heute war Donnerstag. Der Doktor wirft einen kurzen Blick auf seinen Terminkalender und schlägt den darauffolgenden Dienstag vor. Da gebe es noch eine Lücke. Gleich um 07.30 Uhr.  „Okaaaaaayyy!?“ erwidere ich und sage den Termin zu, ohne weiter darüber nachzudenken.

Lachgasbetäubung. Macht man das heute noch?

Vor meinen Augen spielen sich schlimme Bilder ab, bei denen ich damals als 12-Jähriger wegen eines Armbruchs mit Lachgas betäubt wurde und an das Aufwachen überhaupt keine guten Erinnerungen mehr hatte.   Seither bin ich nie wieder in Vollnarkose versetzt worden. Irgendwie war das traumatisch, weil es schier endlos ging, bis ich wieder endgültig klar war. Das sind meine einzigen Gedanken. Doch benutzt man Lachgas heute überhaupt noch?

„Rechts Licht, links Schaffe´!“

So klingt der routinierte Chirurg und deutet dabei mit den beiden Zeigefingern auf sein Knie. „Ist ´ne kleine Sache und in 20 Minuten ist alles erledigt“.  Wie gesagt, ob 20 Minuten oder 2 Stunden war nicht das Problem.  Die Vollnarkose und ob es beim Aufwachen noch das Jahr 2020 sein würde, schon eher. Aber ich habe ja zum Glück nur ein paar Tage Zeit, darüber zu grübeln und mir dabei im Internet allerlei Horrorgeschichten über missglückte Vollnarkosen reinzuziehen. Ich kann nur empfehlen, lasst den Scheiß! Es kommt eh alles anders als man denkt.

Kein Zurück mehr

Wenn man da so in der OP-Vorbereitung auf dem Tisch liegt, das mit einem Filzstift markierte Bein kahl rasiert wird, die Anästhesistin die Zuleitung für das Narkosemittel legt und auf deiner Brust die Elektroden für das EKG angeklebt werden, dann weißt Du: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.  Der Anästhesieärztin hatte ich zuvor von meinem Kindheitstrauma berichtet. Jetzt kommt sie mit einer Maske und versichert mir, dass da kein Lachgas rauskommt, sondern nur Sauerstoff.  Sie sagt noch: „Atmen Sie einfach dreimal tief ein…“ An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern.

 

Jetzt nochmal ´ne Runde pennen

Nein, ich habe nach dem Aufwachen NICHT gefragt, ob wir noch das Jahr 2020 haben. Ich vergewissere mich beim umtriebiegen Personal nur schnell, ob schon alles vorbei sei. Und, nebenbei bemerkt, das Aufwachen war sehr, sehr angenehm. Und ich bin auch noch angenehm müde und beschließe deshalb,  erstmal nochmal ´ne Runde zu pennen. Jetzt, wo der ganze Stress vorbei ist.  Doch ein Klinikbetrieb ist kein Hotel und statt süßem Schlaf sieht man zu, dass man mich schnell wieder reisefertig macht und setzt mich kurzerhand in einen Rollstuhl. Ein eiliges Feedback vom Chirurgen „Do Licht, do schaffe!“ ergibt, dass er doch ein bisschen mehr Arbeit hatte, weil der Meniskusriss etwas komplexer gerissen war als zuvor angenommen. Insgesamt ist aber alles gut verlaufen. Das ist das „Go!“ für den organisierten Fahrdienst, bestehend aus unserem Sohn und seiner Freundin, der mich bequem wieder nach Hause chauffiert.

Alles wird wieder gut

Ich erspare Euch den Bericht über den ganzen Nachbehandlungskram mit Drainage ziehen (Aua!! DAS tat kurz weh!), Fäden raus, Krankengymnastik und so weiter. Alles wird wieder gut. Da war ich sicher. Leichtes Fahrradtraining hatte ich auch schon absolviert. Und so stand ich knapp sechs Wochen nach der OP erstmals wieder in Laufklamotten da, um mal vorsichtig anzutesten, wie es denn mit einem kleinen Läufchen wäre. Ich war schmerzfrei und die Beweglichkeit im Knie war schon wieder recht gut. Ich konnte es kaum erwarten konnte, endlich wieder loszulegen.

Endorphine ohne Ende

Alles lief super. 5 km in 37 Minuten. Unter den gegebenen Umständen ein Träumchen. Endorphine fluteten meinen Körper. Perfekt. Ich bin zurück!! Und auch die Tage danach tauchten keine Probleme auf. Vier Tage später sollte wieder Routine in mein vernachlässigtes  Läuferleben zurückkommen. Doch irgendetwas war dieses Mal anders.

Doch nicht alles gut?

Schon nach den ersten Metern merkte ich, dass alles irgendwie instabil ist in meinem Knie. Ich lief dennoch los, schließlich war ja das erste Mal alles ok. Nach 20 Minuten war dann Schluss. Stechende Schmerzen im Knie unter der weiteren Belastung zwangen mich, den Rest der Wegstrecke zu Fuß zurückzugehen. Was für eine Schmach. Ein paar weitere Versuche, zwischendurch den Lauf doch wieder aufzunehmen, scheiterten kläglich. Immerhin, normales Gehen war problemlos und schmerzfrei möglich. Noch!

Immer schlimmer

 

Na ja, dann halt eben noch ein oder zwei Wochen warten, so dachte ich, bevor ich wieder einen neuen Versuch starte. Das war am 7. Oktober. Heute ist der 6. Dezember (5 Wochen später), und ich laufe noch immer nicht. Was war passiert? Plötzlich nahmen die Schmerzen im Knie wieder zu. Jeden Tag wurde es jetzt schlimmer, ohne jede weitere Belastung. Die Strecken, die ich noch schmerzfrei zurücklegen konnte, wurden von Tag zu Tag kürzer. Bald schon musste ich nach 100 Metern die Gassirunde mit unserem Vierbeiner beenden und hütete fortan nur noch da Sofa. Nur mit IBU ging es überhaupt noch irgendwie. Auch der erneute Arztbesuch beim Orthopäden mit Zinkleimverband und Diclofenac brachte nur langsam etwas Besserung. Ich fürchtete das Schlimmste und sah mich schon wieder auf dem OP-Tisch. Irgendetwas musste schief gelaufen sein. Also ging es zurück zum Operateur. Der sollte sich das nochmal anschauen. Könnte ja sein, dass ihm beim „Schaffe“ an meinem Knie das Skalpell ausgerutscht ist oder er etwas Gravierendes übersehen hatte.

„Das Knochenmark ist beleidigt“

Chirurgen habe eine seltsame Art, medizinische Sachverhalte zu beschreiben. Während die Arztberichte mit lateinischen Fachausdrücken überfrachtet sind und der geneigte Leser – trotz des spät erworbenen Latinums in den Neunzigern – fast jedes zweite Wort googeln muss, um annähernd den Textsinn zu erfassen, äußert er mir gegenüber nur vier knappe Worte, um den gesundheitlichen Zustand auf den Punkt zu bringen. „Das Knochenmark ist beleidigt!“ Will heißen, dass mit dem Meniskus alles ok ist, aber der verfrühte Trainingsstart schlichtweg ein Fehler war. Wo bei einem gesunden Läufer die Energie der Laufschritte hauptsächlich über die Muskulatur abgefedert wird, fehlt hier noch die entsprechende Kraft. Durch die Teilentfernung des Innenmeniskus ist zusätzlich ein weiterer Puffer verloren gegangen, so dass die Energie der Schläge unmittelbar im Gelenk bzw. im Oberschenkelknochen landete. Nach Aussage des Chirurgen ist das eben eine „Beleidigung des Knochenmarks“, welches sich mit der die Bildung eines Ödems dafür bedankt. Die veränderten Druckverhältnisse im Knochen verursachen starke Schmerzen, dazu der noch nicht vollständig zurückgebildete Gelenkerguss aus der OP.  „Herzlichen Glückwunsch!“ dachte ich. Ein weiterer Termin in der „Röhre“ hat den Befund dann bestätigt.

Ungeduld lässt grüßen

 

Bevor jetzt wieder  in den Kommentaren der Stab über so viel Unvernunft gebrochen wird, lasst mich eins sagen. Ja, in der Rückschau wäre es natürlich schlauer gewesen, die Dinge etwas langsamer anzugehen, auch wenn es sich erst mal wieder gut angefühlt hatte. Wer aber nach drei oder mehr Monaten Zwangspause wieder die Chance sieht, endlich wieder mit dem Laufen beginnen zu können, dem kann ich es nicht verdenken, wenn er es schnellstmöglich wieder versucht. Und 6 Wochen nach einer OP ist es grundsätzlich nicht unbedingt zu früh für einen Neustart. In meinem Fall liegt es auf der Hand: Ungeduld lässt grüßen.

 Was sagt der Chirurg? Wie geht es weiter?

Für den Operateur eine „kleine Sache“, die mit Muskel- , Stabi- und Koordinationstraining wieder gut in den Griff zu kriegen ist. Für dieses Jahr bleibt das Laufen leider noch tabu. Lauf-ABC und kleine Intervalle sind erlaubt, aber nur in Kombination mit konsequentem Muskelaufbautraining. „Lange Läufe sind jetzt Gift!“ Das war´ne Ansage, klar und deutlich. Auf meine vorsichtige Frage, ob denn grundsätzlich auch wieder lange Läufe, so 10, 15 oder 21km möglich sein würden, war die Antwort ebenso eindeutig: Ja, auch das wird dann wieder möglich sein.

Fazit

Ich kann alle Ungeduldigen so gut verstehen, die schnellstmöglich wieder los wollen, raus in die Natur, Laufen. Gute Ratschläge will ich nicht geben. Das wäre unglaubwürdig. Denn ich weiß auch nicht, ob ich in einer ähnlichen Situation nicht wieder den gleichen Fehler machen würde, obwohl ich es besser wissen müsste. Für dieses Mal habe ich meine Lektion gelernt. Ich hoffe, ich kann meine Erfahrung hinüber retten in eine Zeit, in der es mal wieder nicht so gut läuft mit dem Laufen. Und vielleicht ist dieser Bericht für den einen oder anderen ein kleiner „Weckruf“, der Euch vor weiteren unnötigen Laufpausen bewahrt. Bleibt gesund!

PS: Stabitraining und Muskelaufbau gehen voran. Mit dem Laufen (auch mit dem Lauf-ABC und Intervallen) warte ich weiterhin noch ab, bis sich mein Kniegelenk noch stabiler anfühlt. Schuheinlagen habe ich auch verschrieben bekommen.  Es gibt also Hoffnung für das kommende Jahr. Ich halte Euch Auf dem Laufenden.  Alle meine Läufe findet Ihr dann wie immer in meinem Lauftagebuch in diesem Blog. Habt´s gut!


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