Check Up 50 – will ich das wissen?

Wenn nicht jetzt, wann dann?

Etwas mulmig ist mir schon als ich die große Praxis betrete. Eine Praxis, deren Ärzte darauf spezialisiert sind,  Menschen jeden Tag Dinge zu sagen, die sie vielleicht gar nicht wissen wollen oder bereits wissen, aber nicht hören wollen. Ich weiß nicht, was mich veranlasst hat, tatsächlich diesen Termin zu vereinbaren. Andererseits frage ich mich, wann bekomme ich nochmal in meinem Leben die Gelegenheit, mich dermaßen gründlich durchchecken zu lassen. Vorab: die Untersuchungsleistungen werden hier leider nicht von den Krankenkassen übernommen. Nur dem Umstand, dass ich kürzlich mein 50. Lebensjahr durchschritten habe, habe ich es zu verdanken, dass ich heute hier bin. Die Kosten übernimmt in diesem Fall der Arbeitgeber, der es mir frei gestellt hat, an diesem Check Up teilzunehmen oder eben nicht. Selbstverständlich werden auch die Ergebnisse nur mir als Betroffenem mitgeteilt und Dritten nicht zugänglich gemacht. Wäre ja auch noch schöner…

Keine Sorge, ich quäle Euch jetzt nicht mit endlosen Krankheitsgeschichten und dem Raubbau, den ich in meiner bewegten Jugend an meinem Körper betrieben habe. Ich möchte aber einen kurzen Abriss über den Ablauf  geben und mit meinem  persönlichen Fazit enden.

Vorbereitung – die Sache mit den Umschlägen

In Vorbereitung zu dem Termin bekam ich einen großen Umschlag mit einem ebenso großen Fragebogen – eher Fragenkatalog- der zum Termin ausgefüllt mitgebracht werden sollte. Ich brütete darüber gut und gerne eine halbe Stunde bis ich alles nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet hatte. Es macht schon hier keinen Sinn, etwas schön zu reden oder zu verschweigen. Am Tag der Untersuchung kommt eh alles ans Licht. Außerdem kommen mit der selben Post drei kleine Briefumschlägchen mit. Das sind die für die Stuhlproben von drei aufeinander folgenden Tagen. Wohl dem, der noch so ein altmodisches WC hat, wo das Geschäft nicht gleich in den Tiefen der Kanalisation verschwindet. Tipp am Rande: Ein Paar Plastikhandschuhe können hilfreich sein. 

Der CheckIn vor dem CheckUp

Mit den gefüllten Briefchen und dem ausgefüllten Fragebogen unterm Arm laufe ich in der Praxis ein. Natürlich nüchtern -auch essensmäßig-  und mit den Sportklamotten im Gepäck, die ich auch gleich anziehen soll. Die Praxis präsentiert sich topmodern. Abschließbare Schränke, zwei große Bäder mit geräumigen Duschen machen einen professionellen Eindruck auf mich. Alles läuft dann gut getaktet und sehr ruhig ab. Wie mein Blut, das mir als erste Amtshandlung auf nüchternen Magen abgezapft wird. Vorher noch Wiegen, Messen, EKG, Vitalfunktionstest mittels Blutdruckgerät und Pulsmesser. Gefühlt fast ausgeblutet beantworte ich in den immer wieder kurzen Pausen auf einem iPad weitere Fragen zu meinem persönlichen „Streßradar“. Im ersten persönlichen Gespräch mit Dr. B. gehen wir zusammen den Fragebogen von zu Hause durch und besprechen die Arztberichte, die ich in den letzten Jahren alle vorbildlich gesammelt habe. Es waren Einige. Daraus ergeben sich schon viele aufschlussreiche Erkenntnisse. Impfstatus? Ups! Verlegt, verloren, vergessen. Zuletzt geimpft? Ja, aber wann und wo? – und wogegen genau? Damit ist die erste große Baustelle aufgerissen…



Das volle Programm – fehlt nur noch die große Hafenrundfahrt

Was folgt, ist die äußerliche Begutachtung des allgemeinen körperlichen Zustands. Dann kommt das Stethoskop zum Einsatz. Mit den Händen ertastet Dr. B. innere und äußerer Organe. Weitere Details erspare ich Euch an dieser Stelle. Richtig interessant wird es bei der Ultraschalluntersuchung sämtlicher innerer Organe – sofern verfügbar. Also – sofern der Blick darauf verfügbar. Zum Untersuchungsgegenstand zählen u.a. (vom Kopf abwärts) Hals- und sämtliche zugehörige Schlagadern, die Schilddrüse, die Lunge, die Leber, die Milz, die Gallenblase, die Nieren, die Blase. Wegen der vielen Lufteinschlüsse im Darm sind Darmuntersuchungen per Ultraschall ungeeignet. Hierfür gibt es gesonderte Untersuchungsmethoden….Ihr wisst schon.

Herzklappen-Check

Auf die Betrachtung des Herzens legt Dr. B. ein besonderes Augenmerk. Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, wenn man seinen eigenen Herzmuskel auf dem Bildschirm in Aktion sieht.  Grob gerechnet schlägt unser Herz rund 2,5 Milliarden mal im Laufe unseres Lebens und pumpt dabei rund 260 Millionen Liter Blut durch unseren Körper. Das ist eine kaum vorstellbare Leistung eines simplen Muskels, der so groß ist wie eine geballte Männerfaust. Noch bemerkenswerter und beruhigender ist es, wenn der Arzt bei der Untersuchung der vier Herzklappen zufrieden Halbsätze formuliert wie: „…schließt dicht“, „…schließt dicht“, „…schließt dicht“,“…schließt dicht“. Dabei nuschelt er ein paar Fremdwörter, die wohl auf die lateinische Bezeichnung der jeweiligen Herzklappe bezogen sind. Wie auch immer die Einzelteile heißen mögen, wichtig ist, dass alle Klappen richtig klappen, was offenbar bei vielen anderen Mensch nicht selbstverständlich ist.

Mit einer Gleichgewichtsübung, die altersentsprechend unauffällig ausfällt aber irgendwie trotzdem frustrierend war – sieht man sich doch in früheren Zeiten unerschrocken und mutig auf hohen Gebäuden oder Bäumen und Bergen herumkraxeln – endet der Hauptteil mit einem leckeren und ausgiebigen Frühstück. Halb verhungert und leicht unterzuckert falle ich über all die gesunden Sachen her, die meinem Körper die nötige Energie für das anstehende Belastungs-EKG zuführen sollen.

106 % Fitness – „nur“ eine gute Basis, um darauf aufzubauen

Gut verkabelt und mit Maske auf dem Gesicht trete ich mutig in die Pedale und stelle mich auf ein gemütliches, wenig anstrengendes Work-Out ein, wie ich es seit Monaten regelmäßig von meinen Laufrunden her kennen. Doch weit gefehlt. Mit zunehmender Dauer steigt auch die Wattzahl und damit der Tretwiderstand des Ergometers  kontinuierlich an. Breitbeinig und gar nicht angestrengt steht Dr. B. vor dem Monitor und beobachtet kritisch die Entwicklung der Leistungskurve. Oder soll ich besser sagen, den Abwärtsverlauf der (Leistungs-)Kurve.  Mit einem Finger soll ich den Begriff auf einer Tabelle tippen, der meinen subjektiv gefühlten Angestrengtheitszustand widerspiegelt. Mutig tippe ich irgendwo zwischen „anstrengend“ und „sehr anstrengend“ und vermeide es, mit meinem Zeigefinger in die Nähe des Begriffs „extrem anstrengend“ zu kommen – gefühlt dauert es nicht mehr lange, dann kippe ich gleich vom Fahrrad. Dr. B. frohlockt: „250 W schaffen Sie locker noch…“ und guckt erwartungsvoll auf den Monitor. „Weniger als 100% geht gar nicht“, denke ich. Tatsächlich liege ich am Ende mit 106% Fitness leicht über dem, was in meiner Altersgruppe zu erwarten ist. Während mein mühevoll hochgepeitschter Puls sich wieder in einen erträglichen Frequenzbereich bewegt, fallen nicht nur meine Anspannung sondern wie von Geisterhand auch alle EKG-Sensoren von mir ab. Jippieh! Geschafft! Dr. B. bemüht sich um eine kurze sachliche Analyse und schlussfolgert, dass 106% eine gute Basis seien, um darauf aufzubauen.

Gefühlter Sieg auf der ganzen Linie

„Na ja,“ denke ich bei mir, „vor einem halben Jahr, bevor ich das mit dem konsequenten Sporteln angefangen habe, wäre ich vermutlich bei einer Leistungsstufe von 50% mit einem Herzkasper wie ein Waschlappen jämmerlich vom Fahrrad gefallen.“ Ich verbuche das Ergebnis heute als Sieg auf der ganzen Linie. Es ist mehr als erwartet und letztlich eine gute Basis, um tatsächlich darauf weiter aufzubauen. Die Dusche tut jetzt gut und die einstündige Pause bis zum Abschlussgespräch mit der Auswertung der Laborergebnisse nutze ich, um die bis dato erzielten Erkenntnisse in mir reifen zu lassen und über mögliche – vielleicht auch erforderlichen-  Veränderungen meiner Lebensgewohnheiten nachzudenken.

Meine Laufstrecke in Graben-Neudorf

Meine Laufstrecke in Graben-Neudorf

Fakten, Fakten, Fakten

Das knapp 45-minütige Abschlussgespräch mit Dr. B. bestätigt leider einige gesundheitlichen Aspekte, die schon vorher bekannt waren, bringt aber auch neue Betrachtungsweisen gesundheitlicher Risiken – und Chancen – ins Spiel, über die ich vor diesem Termin nie nachgedacht habe. Im Ergebnis steigt das eigene Gesundheitsbewusstsein enorm an. Der Arzt benennt klar die aktuellen Risiken und zeigt deutlich auf, wie sich auf Basis der Ergebnisse z.B. das individuelle Herzinfarktrisiko bei unveränderter Lebensweise / ohne Maßnahmen in den nächsten 15 – 20 Jahren entwickeln wird. Da kann sich der Zeiger auf der Rundskala, der sich momentan noch im komfortablen grünen Bereich befindet ganz schnell auf „rot“ drehen. Da kannst Du dann  die Jahre bis zum Exitus rückwärts zählen. Gegen das Altern ist noch kein  Kraut gewachsen, und die Tatsache, dass ich als Mann zur Welt gekommen bin, lässt sich auch nicht mehr beeinflussen. Beide Dinge bergen unabänderliche Risiken. 

Die Konsequenzen

Dauerhaft beeinflussbar sind die Ernährung, die Bewegung, die innere Einstellung und medizinische Maßnahmen. Im sozialen Umfeld wiegen die Veränderungsparameter meist etwas schwerer. Manchem würde es schon gut tun, sich von Menschen aus dem Bekanntenkreis, die nicht gut tun, konsequent zu trennen. Es liegt jetzt an mir, die Konsequenzen aus diesem Tag zu ziehen oder so weiter zu machen wie bisher. Um es kurz zu machen: Ja. Dieser Tag hat mein Gesundheitsbewusstsein gestärkt. Ziemlich stark sogar. So weit, dass ich jetzt darauf achte, wie ich meine Lebensqualität noch lange erhalten kann, wie sie gerade ist. Dazu gehört mehr Bewegung, bewusstere Ernährung, eine ausgewogene Work-Life-Balance und weiterhin viel Spaß und Entspannung.

Fazit: Check Up 50 – will ich das wissen?

Logisch, ein so umfassender Check Up wäre schon allein aus Kostengründen für „Normalverdiener“ wie mich gar nicht machbar gewesen. Trotzdem: Die von den Kassen übernommen Kosten für die Check Up – Untersuchungen ab 35 im Zweijahresrhythmus sind aber ebenfalls ein guter und ausreichender Einstieg, um einen Status zum aktuellen Gesundheitszustand zu erhalten. Klar, mit zunehmenden Alter steigen auch die Gesundheitsrisiken an. Es macht keinen Sinn, davor die Augen zu verschließen. Was hilft, ist ein ehrlicher und offener Umgang mit der Realität des Älterwerdens. Angst ist da der schlechteste Ratgeber. Ja, Mut gehört vielleicht schon dazu. Belohnt wird der Mut mit der Wahrheit, mit der ich am Ende besser umgehen kann als mit der Ungewissheit und dem Risiko, unvorbereitet und plötzlich vor dem Unausweichlichen zu stehen.

So gesehen: Ja, will ich das wissen.

Anmerkung: Wer mehr wissen will zu meinen Erfahrungen mit dem Check Up und / oder Kontaktdaten benötigt, darf mir gerne schreiben.

Bildnachweis: alle Fotos lizenzfrei von pexels.com




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