Guter Wille braucht keine Brille

Brille? Zu viel, Mann!

Gleitsichterfahrung

Heißt es jetzt weitsichtig, wenn du in die Weite gucken kannst und kurzsichtig, wenn du nur in der Nähe scharf siehst, oder umgekehrt? Fragen, die sich bisher maximal am Rande meiner Existenz abgespielt haben.

Bis vor ein paar Jahren die Entfernungen zwischen Auge und Buch Ausmaße annahmen, die ich durch die Länge meiner Arme nicht mehr kompensieren konnte. Ich, der ich fast 45 Jahre lang Adleraugen hatte. Ich, der ich bei Sehtests Ziffern, Buchstaben und Formen sämtlicher Größen von den Testtafeln ablesen konnte, so dass man hätte meinen können, sie wären zuvor auswendig gelernt worden. Dabei beschränkten sich meine Sehtests bis dato auf Schule, Führerschein und den Betriebsaugenarzt. Kein Zögern, keine Konzentrationspausen, gerade raus, ohne die Spur eines Zweifels. Brillen waren für mich maximal ein Modeaccessoire im Sommer. Sonne da, Brille raus. Keine Sonne da, keine Brille raus. So einfach war mein Leben.


Der Anfang vom Ende

Jetzt war es soweit. Erste Alterserscheinungen bemächtigten sich plötzlich meines Körpers. Und die Augen sollten erst der Anfang sein. „So geht´s los!“ drang es hinter vorgehaltener Hand aus meinem alternden Umfeld an meine Ohren, die, schenkt man diesen Stimmen Glauben, als nächstes dran sein sollen. Noch wehrte ich mich nach dem Motto: Guter Wille braucht keine Brille. Doch bald war es mit dem guten Willen vorbei und der erste verstohlene Blick durch die billige Lesebrille eines Discounters brachte Erschreckendes ans Tageslicht. „Was, sooo schlecht sind meine Augen?“ Unvermittelte Klarsicht auf die kleinen handgeschriebenen Zettelchen auf dem Brillenbügel mit Preisangaben und Dioptrien ergaben sagenhafte + 1,0 Dioptrien (oder heißt es Dioptrie?). Dann ging alles Schlag auf Schlag. Meine Sprüche beim Optiker klangen mittlerweile weniger wie auswendig gelernt. Immerhin: das linke Auge war noch nicht ganz so stark vom beginnenden Alterszerfall betroffen und lag mit +0,5 Dioptrien im Rahmen einer annehmbaren Toleranz – altersmäßig.

Doch lieber lasern?

Meine Brillenkarriere hatte im Alter von 45 Jahren begonnen und wird vermutlich bis zum Ende meiner gezählten Tage andauern. Zwischenzeitlich stellte ich mir ernsthaft die Frage: „Soll ich meine Augen lasern lassen?“ Das Lesen und das Leben insgesamt waren mit dem Erwerb meiner 1. Lesebrille erst einmal wieder angenehmer geworden. Ich genoss die Klarheit beim Lesen und konnte auch wieder das Kleingedruckte auf Beipackzetteln und Bedienungsanleitungen entziffern.

Und es kam schlimmer

Doch es sollte alles noch viel schlimmer kommen. Drei Jahre später mussten neue (stärkere) Gläser in das in die Jahre gekommene Gestell eingebaut werden, das ich mittlerweile sehr lieb gewonnen hatte. Die Brille begleitete mich überall hin, wo es was zu lesen gab: ins Büro, zu meinen Außenterminen, zur mitalternden Verwandtschaft, die sich immer mehr technischen Kram anschaffte, mit dem sie nicht mehr klar kam, und die nicht mehr in der Lage war, die viel zu klein gedruckten Bedienungsanleitungen zu lesen, geschweige denn, sie zu verstehen. Und sie kam mit in die Zahnarztpraxis, in der mich die neuesten Klatschgeschichten vom tatsächlichen Grund meines Besuchs ablenken sollten und mich gleichzeitig wieder auf den neuesten Stand der Dinge brachten.

Wo kommen die Bananen her?

Beim samstäglichen Einkauf verzichtete ich noch auf die Mitnahme meiner kleinen Sehhilfe, was mir im Laufe der Zeit mehr und mehr Probleme bereitete. Die Preisetiketten waren noch gut ohne Brille zu erkennen gewesen. Ob die Bananen allerdings aus Spanien oder Südamerika stammten, blieb mehr und mehr hinter einem verschwommenen Schleier zurück.

Angaben zum Nährwert von Dr. Oetker Schoko-Müsli sind nur für Menschen unter 30 auf die Packung gedruckt. Die erschrecken sich noch nicht so beim Anblick der Tabellenwerte zu Zucker und Kohlenhydraten oder lesen sie erst gar nicht.


Der biologische Zerfall nimmt Anlauf

Mich mit meiner Lesebrille im Supermarkt zu zeigen, ließ meine Eitelkeit nicht zu. Da siehst du ja sofort, dass der biologische Zerfall gerade Anlauf nimmt, bevor du demnächst mit dem Rollator durch die Gänge schleichst. Außerdem nervte mich das ständige Auf- und Absetzen. In die Ferne gucken ging ja noch ohne Brille, mittlere Distanzen waren zwar nur noch mit gutem Willen zu überbrücken, in der Nähe brauchtest du halt die Brille. Um das ständige Auf- und Absetzen und das damit verbundene lästige Verstauen und wieder Herausholen der Brille zu reduzieren, gibt es diese wunderbaren praktischen Brillenketten,  mit denen man sich diese um den Hals binden kann und die meine Lehrer im Unterricht immer getragen hatten.

Mit so einem albernen Brillenhalsband wollte ich mich auf keinen Fall in der Öffentlichkeit zeigen. Das signalisiert direkt: „Guck mal, vergesslich ist er auch schon…!“ Stimmt leider. Da ich die Lesebrille jetzt immer öfter aufsetzen musste, lag sie auch immer öfter an Stellen, die ich nach dem Ablegen direkt vergessen hatte, weil:  „In die Ferne gucken geht ja noch ohne.“ Da ich von Natur aus bequem bin, musste über kurz oder lang eine andere Lösung her. Im letzten Sommer entschied ich mich dann für eine der vielfach beworbenen und sauteuren Gleitsichtbrillen.

  • Vorteil:  ich kann sie immer aufbehalten und decke gleichzeitig alle Distanzen ab
  • Nachteil: 500 Jahre Eingewöhnungszeit

„Eigentlich brauchen Sie gar keine Brille!“

Aber der Reihe nach:

In der Filiale bei Fielmann tragen alle Angestellten Brillen. Ob die Mitarbeiter alle eine Sehschwäche haben? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist Brillentragen ja Vorschrift. Und im Rahmen der Corporate Identity müssen eben alle Brillen tragen, notfalls mit Fensterglas.  Jedenfalls ist das auffällig. Mit meinem Anliegen, mir wegen oben genannter Gründe eine Gleitsichtbrille zulegen zu wollen, stand der nächste Sehtest an. Im Ergebnis wurde mir mitgeteilt: „Eigentlich brauchen Sie gar keine Brille!“ Ich war schockiert. Was? Daraus konnte nur der blanke Neid sprechen. Die blinden Maulwürfe aus der Filiale wären wahrscheinlich froh gewesen, wenn ihre Sehkraft jemals meinen Dioptrienwerten entsprochen hätte. Klar, wer zeitlebens Glasbausteine durch sein Leben schleppen muss, für den sind minus 0,5 Dioptrien schlichtweg lächerlich. Das kann ich schon verstehen. Mir aber zu sagen, ich bräuchte gar keine Brille, das traf mich dann doch irgendwie. Wollten die keinen Umsatz machen? Ich kam mir vor wie ein Bittsteller, bloß weil ich zu bequem war, laufend das Brille-auf-Brille ab-Spiel weiter mitzumachen. Sei´s drum. Der Kunde ist König und zwei Wochen später war ich stolzer Besitzer einer Gleitsichtbrille.

„Junge, hab Geduld. Gewöhn´ Dich halt!“

Ein Wochenende später schlug ich in der Filiale auf und beschwerte mich, dass ich durch die neue Brille nicht richtig sehen konnte. Alles total verschwommen und beim Treppensteigen fiel ich fast die Stufen hinauf – oder hinunter – je nachdem, welche Richtung ich nahm. Auf die Ferne, meinte ich, sehe ich ohne Brille sogar besser als mit. Das erneute Nachmessen der Gläser und ein weiterer Sehtest ergaben, dass alles korrekt war und ich nur noch etwas Gewöhnungszeit bräuchte. „Also gut“, sagte ich zu mir“gewöhn dich halt!“ Das Gewöhnen setzte sich schier endlos fort. Laufend checkte ich, ob ich mir das Bessersehen ohne Brille tatsächlich nicht nur einbildete. Ich fixierte z.B. beim täglichen Im-Stau-Stehen ein KFZ-Kennzeichen vor mir, kniff mein linkes Auge zu und prüfte mit dem rechten Auge abwechselnd – mal mit und mal ohne Brille- , ob sich meine Investition, damit meine schwindende Sehkraft zu verbessern, gelohnt hatte. Ich musste zugeben, dass das Bild mit Brille auch auf die Ferne deutlich schärfer war als ohne. Um tagesformabhängige Falschergebnisse auszuschließen, wiederholte ich dieses Prozedere an unterschiedlichen Tagen zu unterschiedlichen Zeiten bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen. Tatsächlich war es mit Brille nie schlechter als ohne, was mich darin bestätigte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Ehrlich gesagt, viel besser

Nachdem ich sechs Wochen später entschlossen hatte, die Gewöhnungsphase endgültig abzuschließen, gehe ich heute nicht mehr ohne Brille aus dem Haus. Auch wenn ich die Lesebrille zum Arbeiten am PC und zum Lesen von Zeitungen in gedruckter oder digitaler Form am  Tablet noch immer für unschlagbar halte, zeigen die Gleitsichtgläser in der kritischen mittleren Distanz z.B. im Auto beim Checken der Tachonadel (sehr wichtig für mich) eine spürbare Verbesserung. Im Supermarkt falle ich nicht gleich als altersweitsichtiger Midager auf  und bewahre mir so noch etwas Respekt vor dem lästernden Jungvolk. Die Entscheidung, trotz guter Sehstärke im Fernbereich auf Gleitsicht umzusteigen , war goldrichtig. Das lästige Suchen der Lesebrille – verbunden mit der Nachlässigkeit, sich jedes Mal den Ablageort merken zu müssen – fällt weg. Zur Not kann sie auch mal im Etui oder ganz zuhause bleiben. Beim Laufen oder im Fußballstadion geht´s auch mal ohne Brille. Doch beim nächsten Blick auf´s Handy, vermisse ich mein Accessoire schon wieder…


Bildnachweis: lizenzfrei von www.pexels.com / Daniel Bär



4 comments

  1. Sonja - Antworten

    Ab 40 baut der Sehnerv ab!“ und „Sie kommen aber sehr spät!“
    sagte mir der Optiker als ich mit grad mal frischen 42 Jahren zum ersten Mal dort ankam…… und noch von meinem (ehemaligem) Adlerblick erzählen wollte….

    Köstlich geschrieben, vielen Dank. Kann das genau so nachempfinden. Seit einigen Jahren trage ich nun auch GleitsichtBrille. Immer. Der Vorteil eines chicen Gestell’s, es verdeckt auch die müden Schatten unter den Augen

    Dir steht Dein Accessoire sehr gut.

    Herzliche Grüße
    Sonja

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: