5 Monate mit Hund: Sitz. Platz. Fuss. Wer erzieht hier wen?

Auf den Hund gekommen und immer noch dabei




Ja, es gibt sie noch. Unsere Amy. Vor 5 Monaten sind wir auf den Hund gekommen – und noch immer dabei. Mittlerweile zum Junghund herangewachsen, hält uns das Mädchen gut auf Trab. Hundeerziehung ist gefragt. Nach dem Gassigehen fetzt sie noch immer wie ein geölter Blitz durch die Wohnung. Nach ihrer ersten Begegnung mit einem Igel  ist die Aufregung noch  immer so groß, dass sie an der Fundstelle jeden Quadratzentimenter abschnüffelt, wenn es im Dunkeln noch mal in den Garten geht. Könnte ja sein, dass da noch was ist. Und tatsächlich haben sich im Laufe der nächsten Tage fünf (sic!) weitere Stacheltiere eingefunden. Unser Dackelmixmädchen ist fast ausgerastet vor Aufregung. Das war eindeutig ein Highlight in ihrem jungen Hundeleben.

Zuweilen denken wir: „Das Tier ist etwas ruhiger geworden.“ Wahrscheinlich sind es aber wir, die bei gewissen Situationen mehr Gelassenheit zeigen. Einige grundsätzlichen Dinge haben wir mit der Zeit gelernt. Eins vorneweg:  Hunde ticken anders als Menschen. Und vier Grundregeln haben wir uns zu eigen gemacht:

  1. Liebe und beschütze Deinen Hund
  2. Verstärke das Positive
  3. Kommuniziere mit Deinem Hund (in einer Sprache, die Dein Hund versteht)
  4. Zeige dem Hund, dass Du der „Chef“ / „die Chefin“ bist – ruhig und souverän

Der Zweifronten-Krieg an der Haustür

Der Klassiker. Es klingelt an der Tür. Amy springt wie auf wie von der Tarantel gestochen und fetzt Richtung Haustüre. Wir hinterher. Laut rufend, sie solle doch gefälligst aufhören zu bellen. Stattdessen bellt sie nur noch lauter und regt sich noch mehr auf. Laut Hundeexperten fühlt sich der Hund durch unser Verhalten nur bestätigt in seinem Tun. Würde ein Hund so denken wie ein Mensch, würde er vielleicht zu sich sagen: „Ein Geräusch! Boah, was bin ich aufgeregt. Und mein Herrchen auch. Ich muss mein Herrchen / Frauchen beschützen. Ich merke ja, dass sie genauso aus dem Häuschen sind wie ich. DIE können mich nicht beschützen!“ Dann endet es wie es enden muss. Der Hund steht an der Frontlinie, zeternd dahinter seine Besitzer. Die Tür geht auf und Amy bestürmt in ihrer Aufregung den Besucher an der Tür. Ach ja, und hochspringen soll sie ja auch nicht… Noch mehr Gezeter aus der zweiten Reihe, noch mehr Aufregung beim Vierbeiner an der Front. So war das bei uns auch eine ganze Weile. Jetzt nicht mehr. Zumindest ist es deutlich entspannter geworden. 

Friede an der Front

Es klingelt an der Tür. Amy springt wie von der Tarantel gestochen auf und fetzt Richtung Haustüre. Soweit wie immer. Immerhin bellt sie schon nicht mehr – oder nur noch ganz kurz. Wir gehen langsam und ruhig hinterher und schicken den Hund mit einer klaren Ansage in die zweite Reihe. Erst wenn Amy hinter uns ist (Platz!), öffnen wir die Türe. Dann kann sie dazukommen und den Besuch begrüßen. Insgesamt läuft es nach diesem Muster deutlich entspannter ab – für Mensch und Hund. Natürlich funktioniert das nicht von heute auf morgen, aber mit der gebotenen Konsequenz stellen sich die Erfolge recht schnell ein. 

Nun sind wir noch längst keine Hundeflüsterer geworden, und es gibt noch genug andere Situationen, die wir (noch) nicht im Griff haben. In diesem Punkt allerdings sind die Fronten an der Haustüre weitestgehend geklärt. Jetzt denkt der Hund vielleicht – so er denn ein Mensch wäre: „Ein Geräusch! Boah, was bin ich aufgeregt. Mein Herrchen ist ganz ruhig? No panic! Dann ist ja alles gechillt. Ah, ich soll in die zweite Reihe – aber ich bin doch so aufgeregt… Mein Herrchen / Frauchen beschützt mich. Puh, was bin ich entspannt!“ So, oder so ähnlich könnte sich das in einem Hundegehirn abspielen. Was meint Ihr?

Nein, es folgen jetzt keine zehn weiteren super-tollen Erfolgsgeschichten, mit denen wir uns hier brüsten könnten, um zu demonstrieren, wie schnell wir zum Hundeversteher geworden sind. 

Sitz. Platz. Fuß.

Ohne das positive Verhalten eines Hundes zu verstärken, wird es schwierig, ihn dazu zu bringen, das zu tun, was Ihr wollt. Jetzt haben wir nicht gerade tonnenweise Leckerlis in unsere Amy gestopft, bevor sie „Sitz“ machte, aber im Prinzip haben wir dieses Verhalten so lange damit belohnt, bis es funktionierte. Inzwischen ist sie mit einem laut hörbarem Lob zufrieden. Diese Methode lässt sich für „Platz“ und „Fuß“ analog anwenden. Das sind wahrlich keine großartigen Erkenntnisse. Ich weiß.


Leinen los

Unsere größte Angst war es und ist es bis heute, Amy ohne Leine laufen zu lassen. Natürlich nur dort, wo es erlaubt ist und wo sie – als Dackel in geheimer Mission – keinen größeren Flurschaden anrichten kann. Die ersten Versuche haben wir nur dann gestartet, wenn sie zuvor artig an der (kurzen) Leine lief. Die Freiläufe waren anfangs meist ebenso kurz wie die Leine, besonders dann, wenn sie mit der Schnauze am Waldboden klebend unserem Kommunikationswillen keine Beachtung schenkte. Ruck – zuck war es wieder vorbei mit der schönen Freiheit. Ich glaube, das fand sie ziemlich uncool. Andererseits führte sie sich an der Leine zeitweise dermaßen flegelhaft auf, dass wir das zickige Hundegör samt Zubehör mitten im Wald stehen gelassen und uns von dannen gemacht haben. „What? Öhm. So war das nicht gemeint…“ Kaum weiter als zehn Meter vom Vierbeiner entfernt kam sie schnurstracks angedackelt mit ihren kurzen Beinen. Im Galopp. Sofern das mit so kurzen Beinen überhaupt möglich ist.

Das Verhalten eines Hundes folgt einer gewissen Logik

Zu unserer Überraschung funktionierte die Mission „Leinen los“ von mal zu mal besser. Überhaupt hatten wir den Eindruck, dass es ohne Geschirr besser lief. Amy blieb immer in unserer Nähe und folgte uns nach, wenn ihr der Abstand zu groß wurde. In gewisser Weise muss das Verhalten eines Hundes einer gewissen Logik folgen, dachten wir uns. Einerseits weicht uns Amy in der Wohnung kaum von der Seite – besonders auf dem Weg in die Küche – wieso sollte das in freier Natur anders sein? Und genauso war es auch. Bis auf Ausnahmen. Und davon gab es reichlich. Andere Hunde, Pferde, andere Vierbeiner, überhaupt andere Tiere. Große Tiere, kleine Tiere, naturgemäß an den Boden gefesselte oder fliegende Tiere. Auch Gegenstände z. B. Gartenzwerge, Keramikschafe im Vorgarten aber auch Schatten werfendes Gebüsch. Alles wurde untersucht, angeknurrt, angebellt oder sonstwie zum Kampf aufgefordert. Die Aufzählung ist nicht vollständig. Aber das nur am Rande. In solchen Situationen nahmen wir sie wieder an die Leine. Zu ihrem eigenen Schutz. Ha, ha!

Entdecke die Welt

Nach dem Motto „Entdecke die Welt!“ schnüffelte sich Amy durch dieselbe wie ein Westeuropäer durch die Gewürzgassen eines marokkanischen Shuks. Nur mit dem Unterschied, dass die Wegstrecke unseres Dackels selten länger einer geradlinigen Spur von mehr als einem halben Meter folgte. 

Kürzlich liefen wir mit ihr durch die Felder, ohne Leine. Mit einem Mal nahm sie eine – wie auch immer geartete – Witterung auf und verschwand mit einem Satz in der Wiese, die sich ihr am Wegesrand eröffnete. Im kniehohen Gras war sie kaum zu sehen. Sie selbst orientierte sich beim Sprung über die Grashalme. Da war sie wieder, die Bergziege aus dem Sommerurlaub. Dieses Mal im Känguruhmodus. Doin, doing, doing – nur die Schlappohren waren zu sehen, wenn sie sich ins Blickfeld katapultierte. Wir sahen uns die nächsten Stunden damit beschäftigt, Kommunikation zu unserem Hund aufzunehmen. „Erde an Ziege-im-falschen-Körper!“ klingt zum Totlachen. Eher fühlten wir uns gerade wie  „Houston, wir haben ein Problem!“ Selbiges löste sich zu unserer eigenen Verwunderung innerhalb der nächsten zwei Minuten genauso schnell auf wie es gekommen war. „Spur weg! Wo bin ich? Wo ist meine Familie?“ Die war schon auf dem Weg ins Gelände. Ungefähre Richtung → Aktionsradius Hund. Es war der reine Zufall, dass sich beide Wege bald kreuzten und wir unser Baby wieder in unseren Armen hielten.  Langeweile haben wir nicht, wie Ihr sehen könnt. Amy auch nicht. 

Lange Spaziergänge sind das Größte

Lange, ausgiebige Spaziergänge sind die Lieblingsbeschäftigung unsere Amy. Dabei ist sie wenig anspruchsvoll. Wald, Wiesen, Felder, Flüsse und Seen. Überall gibt es etwas Neues zu entdecken. Gerne verschafft sie sich einen Überblick auf Sitzbänken oder Jagdsitzen. Damit ist sie körperlich und geistig gleichermaßen ausgelastet und fällt danach  „satt vom Hundeleben“ in ihr Körbchen und ins Schlafkoma. Schnarchend und zuckend setzt sie dort ihre Entdeckungsreise fort und auch wir gönnen uns ab und an eine Mütze Schlaf, bevor dem Hund wieder die Blase drückt. 

Amy, ein Spiegel unseres Selbst

Machen wir uns nichts vor: Ganz so einfach ist es nicht, einen Welpen zu einem „richtigen Hund“ zu erziehen. Andererseits lernen wir dabei nicht nur etwas über Hunde, sondern auch über uns selbst und unsere Wirkung nach außen. Ein Hund spiegelt nämlich das Verhalten seines Besitzers in gewisser Weise wider. So bekommen wir ziemlich schnell ein ehrliches Feedback zu unserem eigenen Umgang mit unserem Tier. Das hat durchaus therapeutisches Potenzial. Nicht nur dieser Grund sondern auch die vielen lustigen Momente haben uns zu der Überzeugung kommen lassen, dass es für uns sehr gut war „auf den Hund gekommen“ zu sein.


Fotos: © Daniel Bär


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