Mercedes: Wenn ich groß bin, will ich auch Spießer werden

Bestandsaufnahme: Spießer

Natürlich wisst Ihr es besser: Der Slogan stammt ursprünglich von einem Werbespot der LBS aus dem Jahre 2005. Umfragen zufolge trifft jedoch das Klischee vom Spießer bei 92% der Befragten auch auf Mercedesfahrer zu. Mercedesfahrer sind ein herausragendes Beispiel in der Tradition von Vorurteilen. Und da ich selbst bald dazu gehöre, beschäftigt mich diese Frage besonders. Die Liste der Mercedesfahrer-Vorurteil-Attribute ließe sich endlos fortsetzen. Nachfolgend nur die gängigsten Assoziationen zum Begriff „Mercedesfahrer“ in Umfragen:

  • bieder
  • spießig
  • alt
  • arrogant
  • ernst
  • unsportlich
  • dick
  • beruflich erfolgreich

Das Vorurteil: Kognitiver Geiz

Da kommen wohl schwere Zeiten auf mich zu. Dabei sind Vorurteile nichts anderes als „Kognitiver Geiz“. Vorurteile ersparen Denkarbeit. Evolutionär ein großer Vorteil. Da Vorurteile grundsätzlich mit starken Emotionen verbunden sind, ist es mühsam, Argumente zu finden, warum Vorurteile eben Vor-Urteile sind. Darüber muss man sich im Klaren sein, wenn Vorurteile durchbrochen werden sollen. Gelten Gefühle doch gemeinhin als echt oder authentisch. Niemand muss sich dafür rechtfertigen. Die Entstehung von Vorurteilen und deren oft generationsübergreifende Weitergabe ist zum Teil auch hausgemacht. Soll heißen, dass die Mercedesfahrer selbst dafür Verantwortung tragen, das Klischee aufrecht zu erhalten. „Rechnet ein Mensch damit, dass andere ihm Vorurteile entgegenbringen, dann fühlt er sich bedroht“, sagt der Sozialpsychologe Johannes Keller von der Universität Mannheim. Das hat zur Folge, dass genau die Verhaltensweisen an den Tag gelegt werden, die den Klischees entsprechen. Dadurch verfestigt sich das Gefühl und man sieht sich in seinem (Vor-)Urteil bestätigt. So gesehen sind Vorurteile gefährlich, denn sie fordern die Betroffenen regelrecht heraus. Diese erwarten eine solche Haltung und unterwerfen sich dieser – meist gegen ihren Willen.

Bloß nicht so werden wie DIE

Blicke ich in meine eigene Gefühlswelt, dann befinde ich mich mit meinen eigenen Vorurteilen gegenüber Mercedesfahrern in „guter“ Gesellschaft. Was muss ich mich aufregen über drängelnde Mercedesfahrer auf Autobahnen und Landstraßen. Wie oft wurde mir schon von rücksichtslosen Mercedesfahrern die Vorfahrt genommen. Ja, ja, die Mercedesfahrer mit ihrer „eingebauten Vorfahrt“. Halteverbote sind für sie offenbar nur Empfehlungen. Noch schlimmer sind die, die sich vor meinen Augen frech vor Fußgängerüberwege oder auf Behindertenparkplätzen stellen.mercedesfront_mercedesfahrer Spreche ich die Fahrer vorsichtig und in einem nicht zu groben Ton auf ihr rücksichtsloses und egoistisches Verhalten an, werde ich entweder ignoriert oder so aggressiv angegangen, dass ich Deckung suchen muss, um nicht sogleich von einem Faustschlag niedergestreckt zu werden. Schlimm, schlimm, die Mercedesfahrer. „Typisch Mercedesfahrer!“ höre ich immer wieder, und die Mercedesfahrer kennen diese Stereotypen auch. Kein Wunder, dass das Bewusstsein auf allen Seiten geschärft ist und die Eskalation oft vorprogrammiert ist. Und jetzt soll ich selbst bald zu denen gehören? Kerstin sagte schon: „Hoffentlich wirst du nicht so wie die!“ Gefühlt begegnen mir jetzt schon die Vorurteile, bevor ich auch nur einen Meter mit diesem Auto gefahren bin. Oder passiert das alles nur in meinem Kopf?

Die Strategie

Wie begegne ich nun diesen möglichen Vorurteilen, die mir zukünftig als Mercedesfahrer entgegengebracht werden? Das Wichtigste ist es, sich davon frei zu machen, dass einem Vorurteile entgegengebracht werden könnten. Das verhindert von Vornherein eine Haltung, die Verhaltensweisen hervorruft, die die Vorurteile der anderen bestätigen könnten. Also: Vorfahrt nehmen „erlaubt“, aber in der Vorstellung, dass du in einem VW sitzt. Im Prinzip schon mal eine gute innere Einstellung, denn tatsächlich kann das ja jedem passieren. Auch wenn dadurch der Ausspruch „Typisch Mercedesfahrer!“ provoziert wird. Was kümmert´s mich? Ich hätte ja – wie früher – ebenso in einem VW sitzen können. Auch da ist es mir schon passiert, dass ich jemandem versehentlich die Vorfahrt genommen habe. Ob der andere hinterm Lenkrad dann „Typisch VW-Fahrer!“ gebrüllt hat, wage ich zu bezweifeln. Verärgert war er damals bestimmt, aber emotional mit Sicherheit differenzierter berührt als jetzt beim Mercedes-Vergehen. Solange ich mich als Fahrer davon nicht beeinflussen lasse, verhalte ich mich auch nicht so, wie es von einem Mercedesfahrer erwartet wird. Im Gegenteil: Eine Geste der Entschuldigung reicht aus, um mein Gegenüber in Staunen zu versetzen. Diese Reaktion hätte er von einem Mercedesfahrer bestimmt nicht erwartet. Ja, vielleicht von einem Fiat- oder Renaultfahrer, aber von einem Mercedesfahrer? Niemals!

Weniger Vorurteile gegen Daciafahrer

Ist es nicht der helle Wahnsinn, wenn man darüber nachdenkt, wie oft man den Begriff „Mercedesfahrer“ schon gedacht, gesagt oder geflucht hat? Meist in einer emotional negativ besetzten Mercedes_InterieurSituation? Und wie wenig häufig man z. B. Daciafahrer, Fiatfahrer, Toyotafahrer, Renault- oder Peugotfahrer im selben Zusammenhang gedacht, gesagt oder geflucht hat? Irgendwo dazwischen liegt vielleicht noch der Opelfahrer („Jeder Popel…“ 😆 … ob ich auch zu Vorurteilen neige? Äh, nö -wieso? ). Aber daran lässt sich sehen, wie bequem es ist, sich auf´s Vorurteil zurückzuziehen, um nicht weiter kognitiv belastet zu werden. Vorurteile ersparen Denkarbeit. Für die einfach Gestrickten unter uns, nachstehend noch ein entspannender Blick in die Vorurteilswelt regionaler Fahreigenschaften.

Unterwegs ohne Hirn und Verstand (OHV) 

So steht das Kennzeichen NF offiziell nicht nur für Nordfriesland in Schleswig-Holstein sondern auch für „nicht fahrtüchtig“ oder „Notführereschein“.  Im Landkreis Oberhavel fährt man teilweise „ohne Hirn und Verstand“ (OHV) und in Unna heißt es im Strassenverkehr oft Obacht: „Unfall naht!“ (UN). Wer mit dem Kennzeichen PI (Pinneberg) unterwegs ist, „pennt immer“ – im Gegenzug dazu wird in Hamburg nur mit „halbem Hirn“ (HH) gefahren. Da wird es schon extrem schwierig, den Vorurteilen angemessen zu begegnen, wenn ganze Landkreise in Sippenhaft genommen werden. Vielleicht sind die Ursachen solcher Auswüchse historisch politisch begründet oder – sie stimmen ganz einfach. Auf alle Fälle gilt auch hier: Vorurteile sind evolutionär vorteilhaft, denn sie ersparen lästige Denkarbeit. 

Fazit

Es bleibt abzuwarten, wie sich mein Verhalten ändern wird, wenn ich erst einmal den Autoschlüssel der Allmacht in Händen halte. Eins steht fest: Dafür, dass es so viele Vorurteile gegen Mercedesfahrer gibt, sind es andererseits gewaltig viele, die ihn fahren wollen. Ein Rekordjahr jagt das nächste. Kennt Ihr den Mc Donald´s – Effekt? Ganz Deutschland schimpfte damals über das ungesunde Fastfoodessen und verteufelte jeden, der dort hin ging. Komisch nur, dass das Unternehmen in Deutschland immer schneller wuchs, obwohl vorgeblich die ganze Nation ein Land der Mc Donald´s-Verweiger zu sein schien. Mercedesfahrer sind arrogant, spießig und ernst. So lautet das Vorurteil in den Köpfen der meisten Menschen. Komisch nur, dass immer mehr zu dieser ungeliebten Spezies dazu gehören wollen, wohl wissend, dass sie den Rest der Bevölkerung gegen sich zu haben scheinen.  Da kommen wir zu der Frage: Verändert die Automarke den Menschen, der sie fährt? Doch das ist ein anderes Thema, das ich vielleicht später noch einmal aufgreifen werde, wenn mein Umfeld die ersten ernst zu nehmenden Folgeschäden wahrnimmt und mich auf eventuelle Persönlichkeitsveränderungen aufmerksam macht. Bis dahin gilt die Maxime: „Das Beste kennt keine Alternative.“  (← Sind das schon die ersten Anzeichen?)

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