Der Clown in mir…doch mein eigenes Lachen habe ich nie gehört…

Die kleine Julia* (*Name geändert) aus der 2. Klasse der EKS (Erich-Kästner-Grundschule) in Graben-Neudorf fürchtete sich heute ernsthaft, den Nachhauseweg aus der Schule anzutreten. So sehr hatten ihr die Geschichten der Jungs über die „Horrorclowns“ heute zugesetzt, dass sie nur unter Zuhilfenahme der anwesenden Schulpsychologin einigermaßen beruhigt mit der herbeigerufenen Mutter die Schule verlassen konnte. So berichtete uns heute unsere Tochter, die ebenfalls die EKS besucht. Kinder haben eine rege Phantasie, und mit Sicherheit haben die Jungs die Tragweite ihrer bildhaften Ausführungen nicht erkennen können. Deshalb bin ich auch weit davon entfernt, mich in Bezug darauf moralisch oder gar mit Vorwürfen gegenüber den Kindern oder anderen Beteiligten zu äußern. Andererseits bietet mir dieser Vorfall doch Anlass genug, um mir einmal darüber Gedanken zu machen, mit welchen Spinnern unsere  Gesellschaft eigentlich durchsetzt ist. Spiegelt sie doch ein Stück weit die wachsende Gefühlskälte, die immer weiter um sich greift. Als Thema für diesen Blog schien mir der ganze mediale Hype um die Horrorclowns zunächst eher nebensächlich und künstlich aufgeblasen. Schließlich habe ich mich aber doch entschieden, die anzusprechen, die offenbar in völlig geistiger Umnachtung und jenseits jeglichen menschlichen Einfühlungsvermögens blind jedem trashigen Trend folgen:

„Ihr findet Euch wohl total witzig oder habt offensichtlich nichts Besseres zu tun. Eigentlich ist es auch total bescheuert, dass ich Euch hier anspreche, da Euch diese Botschaft ohnehin nicht erreichen wird, jedenfalls nicht so, wie sie ein einigermaßen mit Empathie ausgestatteter Mensch aufnehmen würde. Deshalb verzichte ich auch darauf, Eurem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom jene Aufmerksamkeit zu schenken, die Euch offenbar im Kindesalter vorenthalten wurde. Es mag ja von außen lustig aussehen und Euch in gewisser Weise befriedigen, den Schrecken in den Augen Eurer Opfer zu sehen. Ihr mögt Euch wegwerfen vor Lachen, wenn zu Tode erschrockene Menschen Hals über Kopf die Flucht ergreifen und Ihr mit Eurem martialischen Gehabe, laut knatternden Kettensägen und schwingenden Baseballschlägern noch einen draufsetzt und die Verfolgung aufnehmt…Es reicht Euch eben nicht mehr, im Dunkeln hinter einer Tür zu stehen, um Eurem nichtsahnenden Freund überraschend Eure Hand auf seine Schulter zu legen. Mit Sicherheit ist der Schreck genauso groß, um einen ernstzunehmenden gesundheitlichen Schaden zu verursachen. Auch Geisterbahnen geben sich angesichts ihrer harmlosen Berechenbarkeit mittlerweile der Lächerlichkeit preis.

Als die ersten Videoaufnahmen der „Horrorclowns“ davon im Netz kursierten, ließ ich mich anfänglich ebenfalls vom blanken Voyeurismus leiten und konnte darin durchaus auch eine gewisse komische Komponente erkennen. Bei häufigerer Betrachtung lässt der Reiz jedoch (wie bei allem) schnell nach, wenn nicht alsbald anders geartete, überraschendere, noch martialischere Varianten das Neuronenfeuerwerk im Gehirn immer bunter und heftiger explodieren lassen. So gesehen ist der Drang  nach immer mehr Intensität und das Abgleiten gar in den Bereich, in dem der Baseballschläger endlich tatsächlich auf den Körper trifft oder das scharfe Messer tatsächlich die Haut durchdringt sogar verständlich, damit Ihr in der Reaktion darauf überhaupt noch den Kick spüren könnt.  Ähnlich einem Drogenrausch, bei dem Euer nächster Schuss eine immer höhere Dosis verlangt, damit Ihr überhaupt noch den gewünschten Effekt erzielt. Keine Ahnung, ob der Vergleich hier greift. Es offenbart sich eins: Die Verrohung unserer Gesellschaft zeigt sich bildhaft genau in jenen maskenhaften Fratzen, die Ihr verwendet. Sie verbergen nicht Euer wahres Gesicht sondern kehren es nach außen, enttarnen Euch, die fehlende Aufmerksamkeit, Eure fehlende Empathie, den Mangel an erfahrener Zuwendung und menschlicher Wärme. Ihr nennt es Spaß. Ich nenne es Ausdruck voranschreitender Verrohung, deren mangelnde Selbstreflexion untergeht im sinnlosen Massenstreben nach größtmöglicher  Aufmerksamkeit und Einzigartigkeit, dem Wunsch, etwas Besonderes zu sein, was Ihr nie sein durftet. Und weswegen Ihr Euch selbst nicht mehr spüren könnt.

Seid gewarnt, wenn Ihr auf der anderen Seite auf Gleichgesinnte trefft, die aus denselben Motiven den Spieß plötzlich umdrehen. Dann wird es schwierig sein, Notwehr von Notwehr zu unterscheiden. Vielleicht reift dann die Erkenntnis, von der auch ein deutscher Schriftsteller spricht:

Der Clown in mir…doch mein eigenes Lachen habe ich nie gehört… (c) Nico Szaba (*1970)

Und hoffentlich ist es dann nicht zu spät.“


Bildnachweis: dpa

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