Bettelarm oder miese Abzocke?

Betteln auf der Einkaufsmeile Graben-Neudorf

Um die Weihnachtszeit steigt die Spendenbereitschaft der Menschen. Das denkt sich bestimmt auch die Frau, die zur Zeit auf der Einkaufsmeile in Graben-Neudorf mit einem handgeschriebenen Zettel um Spenden bittet, damit sie ihre zwei Kinder ernähren kann.

Viele fragen sich – wie ich mich auch- woher die Frau kommt, und ob  ihre Not wirklich so groß ist, dass sie auf die Spenden angewiesen ist. Meine Reaktion und die beobachteten Reaktionen anderer auf ihre direkte Ansprache ist überwiegend gleichermaßen geprägt von Unsicherheit und der ins Gesicht geschriebenen Frage nach der wirklichen Notlage. Das aufsteigende schlechte Gewissen, nichts gegeben zu haben, stellt mich außerdem vor die Herausforderung, eine innere Rechtfertigung für meine ablehnende Haltung zu finden. Es ist doch Weihnachten. Da ist das soziale Gewissen besonders beansprucht.

Ich bin zwiegespalten, da es unsozial ist, nicht zu helfen, wo die Not groß ist. Ich kenne die Situation dieser Frau nicht. Ich kenne auch ihre Herkunft oder ihren Wohnsitz nicht. Vielleicht schämt sie sich auch, vor den Einkaufsläden wildfremde Menschen um Geld bitten zu müssen. Gut möglich, dass sie von anderen nur  benutzt wird, die ihr am Ende des Tages das Erbettelte wieder abnehmen.

Es ist für mich kaum vorstellbar, dass es in einer gut strukturierten und in sozialer Hinsicht gut organisierten und engagierten Gemeinde wie in Graben-Neudorf Menschen geben könnte, die existentiell auf das Betteln angewiesen sind. Ähnlich sehe ich das auch für die umliegenden Gemeinden. Viele Menschen, die die Graben-Neudorfer mit ihren zahlreichen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer als Flüchtlinge vor Krieg und Gewalt aufgenommen haben, haben in ihrer Heimat alles verloren. Von ihnen habe noch niemanden gesehen, der bettelt.

Und ich sage das nicht, weil mich der Anblick einer bettelnden Person meine „weihnachtlichen Kreise“ stört. Vielmehr störe ich mich an dem Gefühl, dass hier von langer Hand organisiertes Betteln vorliegen könnte. Die wahre Not der Frau könnte in der Abhängigkeit von Hintermännern oder -frauen liegen, die sie zu diesem Handeln zwingen. Sie wünscht sich vielleicht nicht den einen Euro, sondern vielmehr ein selbst bestimmtes Leben zu führen.

Es soll keiner verurteilt werden, der der Frau etwas gegeben hat. Vielleicht liege ich mit meiner Einschätzung auch völlig daneben. Denen aber, die ähnliche Gewissensbisse haben wie ich, weil sie in diesem Fall nichts gegeben haben, soll andererseits auch nicht Herzlosigkeit unterstellt werden.

Die Frau für ihr Betteln am REWE vorzuverurteilen ist genauso herzlos wie die Verurteilung der vermeintlichen ignoranten Spendenverweigerer. Letztere sind deswegen nicht gewissenloser. Sie – mich eingeschlossen – haben für sich entschieden, dass im Widerspruch zum anerzogenen sozialen Gewissen zu handeln möglicherweise mehr Hilfe liegt als affektiv jedem Bitten und Betteln augenscheinlicher Not nachzugeben – auch wenn mein soziales Gewissen dagegen rebelliert. Damit werde ich leben müssen – auch in Zukunft.

Allen Leserinnen und Lesern möchte ich danken für das Lesen meiner Beiträge und die oft kontroversen Diskussionen.

Allen ein friedvolles Weihnachtsfest!


Bildnachweis: lizenzfrei (www.pexels.com)



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