B36 – Wo ist die Karawane geblieben?

B36 Graben-Neudorf   Karlsruhe 30.12.2016.

Wie in den vergangenen Tagen auch musste ich heute Morgen um halb sieben wieder feste Eis kratzen. Irgendwie sitzt es neuerdings auch widerspenstiger auf der Autoscheibe als sonst. Manchmal habe ich das Gefühl, als würde die Eisschicht umso dicker sein, je näher ich an der Straßenlaterne parke. Geht Euch das auch so, oder ist das nur Einbildung?

Nachdem ich mit Steigeisen und Eispickel das Auto soweit fahrbereit gemacht habe und ich mehr als nur ein Guckloch aus der Frontscheibe herausgeschlagen habe – ich schwöre –  mache ich mich gaaanz langsam auf den Weg zur Arbeit. Nicht nur, dass die Straßen heute Morgen sauglatt sind, es wabern auch noch schier undurchdringbare Nebelschwaden durch den menschenleeren Ort. Und dunkel ist es im Übrigen auch noch. Nur für die, die seit Weihnachten nicht mehr vor 10.00 Uhr aufstehen und meinen, mit der Wintersonnenwende am 21.12. sei mittlerweile schon der Frühling zurückgekehrt. Um viertel vor sieben dämmert hier noch gar nichts. Als ich Graben in Richtung B36 hinter mir lasse und bis dahin höchstens einem einzigen irrlichternden PKW begegnet bin, frage ich mich, ob es nicht besser gewesen wäre,  dieses  Jahr ebenfalls zuhause gemütlich auf dem Sofa zu Ende zu bringen.

Nun habe ich ja heute Morgen schon unter Aufbietung meiner um dieser Uhrzeit  zur Verfügung stehenden Kräfte den Eispanzer um mein Fahrzeug erfolgreich aufgebrochen und sitze  jetzt  nicht ohne Stolz gemütlich vor einem warmen Luftstrom in meinem Auto. Auch der Sitz hat sich schon so weit aufgeheizt, dass ich wieder auf Stufe 1 zurückschalten muss, ehe die Heizspirale hässliche Spuren auf meinem Allerwertesten hinterlässt.
Ich schlängle mich um die kleine Schikane herum – links, rechts- und fädele mich über den Beschleunigungsstreifen in den fließenden Verkehr Richtung Karlsruhe ein. Die letzten Tage war es hier deutlich ruhiger geworden. Doch was ich jetzt auf der Bundesstraße sehen muss…..da ist nichts außer Nebel. Da ist nicht nur nichts außer Nebel, da ist auch nichts als nur ich auf der Straße. Kein anderes Auto ist zu sehen. Nicht hinter mir, nicht vor mir, nicht entgegenkommend. Vor Schreck schalte ich das Fernlicht ein. Ich kann mich nicht erinnern, an dieser Auffahrt jemals in meinem Leben das Fernlicht eingeschaltet zu haben… Dumm nur, dass Fernlicht bei Nebel nicht den Weitsichteffekt hat, den die Bezeichnung vermuten lässt. Also beschränke ich mich auf den Einsatz der Nebelscheinwerfer.

„I´m a poor lonesome Asphaltcowboy “ – jedenfalls bin ich das weit bis hinter die erste Abfahrt Linkenheim. Erst dort sehe ich vereinzelt verschwommene Lichterpaare durch die Nebel irren. Fast sehne ich mich zurück nach der Karawane aus Oktober . Ihr erinnert Euch: Das waren die Tage des Donners, als die Ampelanlage in Leopoldshafen-Eggenstein einem Blitzschlag zum Opfer fiel. Und es waren die Stau stiftenden Tage und Wochen der Baustellen und Sperrungen. Ringsherum um unser Dorf. Im Oktober, hui , war das schön. Da war Action auf der B36. Man spürte, dass man lebte. Man spürte den pochenden Puls bei waghalsigen Überholmanövern. Beim Reißverschlussverfahren kam das Blut in Wallung. Besonders dann, wenn das eine Zähnchen sich vor dem anderen Zähnchen einfädeln wollte , und es dann hakte. Blickkontakt, menschliche Begegnungen auf der Straße, Verbundenheit – Stoßstange an Stoßstange. Schicksalsgemeinschaft im Stauglück. Was waren das für aufregende Zeiten…

Und jetzt? Am 30.12.2016? Alles weg. Alles vorbei. Einsam ziehe ich meine Bahn auf dem nackten und eisgefrorenen Asphalt. Mit Ruhepuls um die 70 Schläge pro Minute und ohne menschlichen Kontakt. Nach-Hause-Telefonieren. Ja, das ginge jetzt noch. Doch die Zeit wird schon knapp. Die 7 Uhr-Nachrichten sind durch, und ich rolle schon auf meinen Parkplatz am Zielort. Um kurz nach sieben, wo ich im Oktober noch vor der Auffahrt Linkenheim im Reißverschluss fest steckte. Wo ist die Zeit geblieben? Fast zu schnell ging die Fahrt zu Ende. Und ich frage mich: Was soll ich mit dieser hinzu gewonnenen Zeit jetzt anfangen? Und was, wenn es 2017 so bleiben sollte?

Mmh. Vielleicht kann ich dann – im Verzicht auf die vielerlei gearteten menschlichen Begegnungen im Stau- jeden Morgen ein Viertelstündchen länger schlafen?

Im Hinblick auf das Jahr 2017 und unserer allseits gleichsam geliebten wie gehassten Haus- und Hof-Strecke bleibt mir nur, allen Pendlerinnen und Pendlern zuzurufen – und ich sage es mit den Worten eines großen Fußballmanagers:

„ Das war´s noch nicht…!“

Allen Stauvermissern und einsamen Asphaltcowboys der letzten Tage wünsche ich nun einen guten Rutsch ins neue Jahr und ein paar B36-freie Tage. Obwohl…momentan geht’s .


Bildnachweis: Lizenzfrei von www.pexels.com

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